FAQs – Praktische Fragen zum Pilgern auf dem Jakobsweg

Wer eine längere Reise auf dem Jakobsweg durch die Schweiz, Frankreich oder Spanien plant, möchte sich gebührend vorbereiten. Schnell tauchen dabei einige praktische Fragen auf. Als Orientierung deshalb hier eine Zusammenstellung der häufigsten Fragen und kurze Antworten dazu:

https://www.pilgern.ch/faqs/(Quelle: Josef Schönauer)

 

Ergänzende FAQs zum Pilgern

Gibt es einen Unterschied zwischen Pilgern und Wandern?

Grundsätzlich sind sich Pilgern und Wandern sehr ähnlich: es geht um Bewegung, körperliche Herausforderung, Erleben in der Natur, Ruhe finden und Kraft tanken, sich in einem grösseren Ganzen aufgehoben fühlen. Gleichwohl lassen sich feine Unterschiede benennen.

Gemäss klassischer Definition handelt es ich beim Pilgern um den Weg, den man zu einem heiligen Ort zurücklegt. Heutzutage steht jedoch beim Pilgern – etwa auf dem Jakobsweg – meist weniger das Ziel als vielmehr der Weg im Zentrum.

Beim Pilgern geht es aber nicht nur um das äussere Gehen dieses Weges, sondern auch um einen inneren Prozess. Indem der Weg aufmerksam begangen wird, beginnt die Umgebung zu einem selbst und zu eigenen Lebensthemen zu sprechen. Pilgern hat deshalb auch einen Bezug zur Spiritualität und wird manchmal gar als «Beten mit den Füssen» bezeichnet. Wer sich auf einen Pilgerweg macht, tut dies oft aus einem existentiellen Grund bzw. einer inneren Motivation heraus. Und das ist wohl der wesentliche Unterschied zum Wandern.

 

Zählt nur längeres Pilgern oder kann ich auch einzelne Pilgertage gestalten?

Für eine Pilgerreise von der Schweiz aus nach Santiago oder Rom sind einige Wandermonate nötig. Einige Pilgernde leisten sich eine solche Auszeit, gerade weil sie sich auf einen längeren äusseren und auch inneren Weg einlassen möchten. Für andere ist das aus beruflichen oder finanziellen Gründen nicht denkbar oder sie trauen sich diese lange körperliche Anstrengung nicht ohne weiteres zu. Pilgern heisst aber nicht zwingend, monatelang unterwegs zu sein. Viele Pilger nehmen sich jährlich ein Teilstück vor. Andere sind öfter mal einige oder auch nur einen Tag lang pilgernd unterwegs. Besonders für den Einstieg sind kürzere Pilgeretappen oder einzelne Tage in einer begleiteten Gruppe zu empfehlen. Angebote finden sich z.B. auf der Website des Vereins Jakobsweg.ch: https://jakobsweg.ch/de/eu/ch/anlaesse-reisen/

 

Soll ich einem klassischen, ausgewiesenen Pilgerweg folgen?

Grundsätzlich ist das Pilgern nicht von einem bestimmten Weg abhängig, sondern ist vielmehr mit der inneren Motivation und einer sich daraus ergebenden Art des Gehens verbunden. Gleichwohl kann es einige Vorteile haben, einem ausgewiesenen und ausgeschilderten Pilgerweg zu folgen.

Entstanden sind die Pilgerwege einst, indem Pilgernde von zu Hause aufgebrochen sind und einen Weg bis zu ihrem Pilgerziel, einem heiligen Ort, gesucht haben. Zum eigenen Schutz haben sie bestehende Handelswege genutzt oder Wege gesucht, auf denen auch andere Reisende unterwegs waren. So reicherten sich die Pilgerwege mit kulturellen Traditionen und den Erfahrungen der zahlreichen Menschen an, welche sie immer wieder begangen haben.

Diese historische Kontinuität, das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Pilgerschar aus Vergangenheit und Zukunft, kann eine andere Kraft entfalten, als wenn man allein auf einem anderen Weg pilgert. Ein Vorteil liegt weiter darin, dass man auf ausgeschilderten Pilgerwegen nicht ständig auf die Orientierung achten muss und sich deshalb einfacher auf die Wahrnehmung der Umgebung und auf den inneren Weg einlassen kann. Gerade dann, wenn der markierte Weg nicht auf den ersten Blick attraktiv ist (Vorstädte, Hartbelagstrasse), fordert er auch zum Einüben von etwas innerer Überwindung, Durchhaltekraft, Vertrauen und Hingabe heraus.

 

Was, wenn Pilgern mich an meine Grenzen bringt?

Gerade längeres Pilgern kann einen an körperliche, komfortmässige oder psychische Belastungs-grenzen bringen. Das ist nicht zu unterschätzen, weshalb die Gemeinschaft anderer Pilgernder auf dem Weg umso wichtiger ist.

Andererseits gehört es gerade zum Wesen des Pilgerns, sich ein Stück weit aus der eigenen Komfortzone hinaus zu bewegen, ungewohnte Herausforderungen anzunehmen, seine Grenzen zu erweitern, so dass innere Bewegung und Entwicklung geschehen kann. Eine gewisse Beharrlichkeit und eine Prise Durchhaltevermögen sind deshalb sicher hilfreich. Man nimmt sich sonst womöglich etwas, wenn man zu früh aufgibt und seine eigenen Grenzen zu eng fasst – nämlich die Chance, etwas Neues über sich selbst zu erfahren. Die überraschende und beglückende Erfahrung, doch mehr zu schaffen, als man sich selbst zugetraut hätte.

 

Worauf ist in den ersten Pilgertagen besonders zu achten?

Zu Beginn der Pilgerzeit empfiehlt sich ein Ritual: man formuliert und legt ab, was vom Alltag noch belastet – und welche Wünsche und Ziele man für die kommende Pilgerzeit hegt. Indem man beides beim Start ablegt, werden Körper, Geist und Seele frei, um sich wach, aufmerksam und mit offenen Sinnen auf den Weg zu machen.

Der Körper braucht etwas Zeit, um sich an die körperlichen Herausforderungen des Pilgerns zu gewöhnen. Es ist darum ratsam, in den ersten Tagen nicht an die körperlichen Grenzen zu gehen, sich vielmehr Zeit zu lassen, früh am Etappenort anzukommen und bis zum nächsten Morgen ausreichend auszuruhen.

Das A und O für eine gelingende Startphase ist es, den Wandertag durch Pausen gut zu strukturieren, regelmässige Pausen einzulegen und dabei genügend zu trinken. Auch die achtsame, liebevolle Zuwendung zu den eigenen Füssen und Beinen (Fussmassage, Fusscreme) tut gut. So lässt sich wahrnehmen, ob man den eigenen Laufrhythmus gefunden hat, die Schuhe richtig geschnürt waren und der Körper in angemessenem Mass gefordert war.

 

Muss ich mich beim Pilgern mit Themen meines Lebens beschäftigen?

Recht viele Pilgernde befinden sich in einer besonderen persönlichen Lebensphase, die sie herausfordert, Fragen aufwirft, nach Sinn und Orientierung suchen lässt. Diese Lebenssituation und die Suche nach neuen Perspektiven ist Teil ihrer Motivation, sich auf den Weg zu machen. Ihre aktuellen Lebensthemen begleiten sie auch während der Zeit des Gehens.

Das muss jedoch nicht zwingend so sein. Pilgern kann man auch einfach aus Neugier, Abenteuerlust, Freude an der Bewegung, an der Natur, aus dem Bedürfnis nach einer Auszeit oder danach, einmal etwas ganz Neues und Anderes zu erleben. Sich die Beschäftigung mit einem besonderen Thema vorzunehmen, ist nicht unbedingt nötig. Gleichwohl wird es unbeabsichtigt oft von selbst passieren: Pilgern bringt etwas in Bewegung, durch die investierte Zeit, die Bewegung des Körpers, die Begegnungen mit Menschen, Orten und der Kultur auf dem Weg, durch die Fremde und das Wagnis, eigene Grenzen auszuloten und seine Komfortzone zu verlassen.

 

Wird Pilgern mich und mein Leben verändern?

Das lässt sich sicher nicht generell sagen. Pilgern kann aber je nach aktueller Lebenssituation der pilgernden Person eine existentielle Erfahrung sein, welche einiges im eigenen Leben in Bewegung bringt, im Innern Schlummerndes aktiviert und Anstösse zu Veränderungen gibt. Der äussere Weg setzt eben auch innere Prozesse in Gang. Pilgern wird vermutlich also etwas verändern – vielleicht wird man ein wenig mehr zu dem Menschen, der man innerlich eigentlich ist.
Die Zeit nach der Rückkehr von einer längeren Pilgerreise ist darum nicht zu unterschätzen. Vieles Gedachte, Empfundene, Angestossene will noch weiter bedacht, Entwicklungen genauer geklärt und Entscheidungen möglicherweise umgesetzt werden. Zeit und Energie sind dazu nötig – und vielleicht auch ein/e Gesprächspartner/in, welche/r ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Der Kontakt zu einer Gruppe zurückgekehrter Pilger/innen könnte sich dafür anbieten. Kontakte zu den vorhandenen «Pilgerstämmen» in der Schweiz: https://www.viajacobi4.ch/Deutsch/rencontres.htm

 

Welche Chancen bieten sich beim Pilgern in einer Gruppe?

Im Mittelalter war das Pilgern in Gruppen eine Notwendigkeit zum Schutz vor Übergriffen. Wer heute in der Gruppe unterwegs ist, sucht den Austausch mit anderen, Geselligkeit, manchmal auch Begleitung in seiner Lebenssuche. Gerade für erste Erfahrungsschritte zum Pilgern kann eine Gruppe den Einstieg wesentlich erleichtern.

Ausgebildete Pilgerbegleiter/innen können beim gemeinsamen Pilgern spirituelle Impulse geben und Erfahrungen am Weg in Verbindung zu Lebens- und Glaubensthemen setzen. Sie weisen auf kulturelle Highlights hin oder helfen, einen geeigneten Schlafplatz zu finden. Auf der Plattform des Vereins Jakobsweg.ch findet sich eine Übersicht aktueller «begleiteter Pilgerangebote»: https://jakobsweg.ch/de/eu/ch/anlaesse-reisen/

 

Wie werde ich selbst Pilgerbegleiterin/Pilgerbegleiter?

In einem europäischen Projekt wurde für den deutschsprachigen Raum ein Qualifizierungskurs «Pilgerbegleitung» geschaffen. Er besteht aus drei Wochenendmodulen und führt zum Zertifikat «Pilgerbegleiter/in EJW». Das Zertifikat ist im süddeutschen Raum, in Österreich, der Schweiz und im Südtirol von den grossen Pilgerorganisationen und den Kirchen anerkannt.
Das Besondere des Pilgerns besteht in der Verbindung von Wandern und Spiritualität. Die Ausbildung legt deshalb einen Schwerpunkt auf die psychosoziale und spirituelle Begleitung von Pilgergruppen.

In der Schweiz wird der deutschsprachige Qualifizierungskurs «Pilgerbegleitung» regelmässig vom Pilgerzentrum Zürich in Zusammenarbeit mit dem Verein Jakobsweg.ch angeboten. Seit einigen Jahren findet auch in der Romandie ein Ausbildungskurs in französischer Sprache statt.
Die ausgebildeten Pilgerbegleitenden bleiben im Netzwerk Pilgerbegleitung Schweiz verbunden. Dieses organisiert Weiterbildungsanlässe und entwickelt wertvolle Hilfen für Pilgerbegleitende.

Wie kann ich mich weiter fürs Pilgern engagieren?

Drei Pilgervereine und das Pilgerzentrum Zürich arbeiten mit grossem ehrenamtlichem Engagement daran, die Infrastruktur für das Pilgern in der Schweiz zu unterhalten, die Wege im Web aktuell zu dokumentieren, Aus- und Weiterbildung für Pilgerbegleitende sowie Pilgerstämme und Austauschanlässe anzubieten. Sie alle sind auf freiwillige und mit dem Pilgern vertraute Menschen sowie zahlende Mitglieder angewiesen, um dieses Engagement aufrecht zu erhalten:

Verein Jakobsweg.ch
Schweizerische Vereinigung Die Freunde des Jakobsweges
Verein Jakobsweg Graubünden
Pilgerzentrum Zürich

Falls Sie sich selbst engagieren oder durch ihre Mitgliedschaft einen finanziellen Beitrag zu diesen Arbeiten leisten möchten, freuen sich die Sekretariate dieser Organisationen auf Ihre Kontakaufnahme.